Das Hinkel - Kunst- und Orgelharmonium der Stiftskirche Tübingen

Lange Jahre stand es im Orgelstüble unter der Nordseite des Daches der Stiftskirche St. Georg. Dort hatte es, wie aufgefundene Quittungen belegen, zum Unterricht von Orgelschülern und zum Üben gedient. Ursprünglich gehörte es zum Haushalt von Frau Gertrud Fleischhauer, die als Tochter eines Pfarrers im Jahr 1900 in Nordhausen/Lkrs. Heilbronn geboren wurde. Als technische Assistentin arbeitete sie wohl ab 1931 an der Universität Tübingen, nach Kriegsende vermutlich bis 1956 im Institut des Biochemikers und Nobelpreisträgers Adolf Butenandt. Neben ihrem Beruf engagierte sich Gertrud Fleischhauer ehrenamtlich für die Tübinger Kirchenmusik, leitete während des Krieges in Vertretung des Kantors die beiden Kinderchöre der Stiftskirche und war lange Jahre als Kantorin und Organistin an der Jakobuskirche tätig. In ihren letzten Lebensjahren schenkte sie ihr Harmonium der Stiftskirchengemeinde. Sie verstarb 1981.
Gertrud Fleischhauers Instrument gehört zu den „Steinways“ unter den Harmonien. Es wurde im Jahr 1923 unter der Produktionsnummer 55893 in der Harmoniumfabrik Ernst Hinkel in Ulm an der Donau gebaut. Es ist ein modifiziertes Kunstharmonium, das nach dem Druckwindverfahren arbeitet und etwa ab 1850 in Frankreich und im deutschsprachigen Raum aus dem normalen Harmonium entwickelt wurde. Das Kunstharmonium war für den künstlerisch- solistischen Einsatz konzipiert und diente im Konzertsaal und Salon, aber auch als hochwertiger Orgelersatz. Seine Charakteristika nach Sigfrid Karg-Elert sind:
eine Druckwindanlage nach dem Patent 1842 von Alexandre-Francois Debain (im Gegensatz zu den billigeren Normalharmonien mit Saugwindanlage),           

  • ein Klaviaturumfang von C bis c4,
  • die in eine Bass- und eine Diskantseite („Spiele“) geteilte Klavia-tur, 
  • ein Expressionszug, mit dem man über die Tretschemel die Laut-stärke beeinflussen kann,             
  • die doppelte Expression, d.h. die beiden Kniehebel, mit denen die Lautstärke in der Bass- und Diskanthälfte unterschiedlich beeinflusst werden kann (Patent  1853 von Victor Mustel),                                                                            
  • das Metaphon (Jalousien, durch die die Töne satter und dunkler erklingen),                                             
  • das Prolongement, mit dem die zwölf Tasten der unteren Oktave quasi als Orgelpunkt gehalten werden können,                                                                    
  • Forte fixe- und Forte expressiv-Züge,                    
  • der Grand Jeu-Zug,
  • und die Perkussions-Mechanik, die beim Anschlag durch kleine Hämmerchen die Zungen schneller zum Einschwingen bringt und Staccato- und Trillerspiel ermöglicht.                                                     

Beim Hinkel-Harmonium der Stiftskirche ist die Expression nicht nach Mustel, sondern kostengünstiger als geregelte Sourdine ausgeführt. Der Grand Jeu- Zug und das Metaphon fehlen.

Über Landesgrenzen hinweg fand eine Standardisierung statt. Die Register des Kunstharmoniums wurden genau festgelegt. In den Kompositionen der überwiegend französischen und deutschen Komponisten bezeichnen Ziffern in Siegeln auf den Notenblättern die Register, die vom Interpreten gewählt werden sollen. Das Hinkel-Harmonium (Registernamen kursiv) weicht leicht vom Standard ab und hat einige zusätzliche Register zur Verwendung als Orgelersatz:
(1) Cor anglais 8' (Principal 8'/Hornecho 8')/Flûte 8' (Principal 8'/ Hohlflöte 8')                                                                                                                          
(2) Bourdon 16' (Bourdon 16') /Clarinette 16' (Clarinette 16')                                                           
(3) Clairon 4' (Violine 4')/Fifre 4' (Violine 4')                                                                                                                                               
(4) Basson 8' (Cello 8'/ Gambette 8')/ Hautbois 8'/(Gamba 8'/ Gam-bette 8')                                                                                                                                                        
(5) Harpe éolienne 2' (Aeolsharfe 4')/ Musette 16' ( Aeolsharfe 4')                                                   
(6) Voix céleste 16' (Vox coelestis 16')                                                                      
(7) Baryton 32' (Baryton 32')                                    
(8) Harpe éolienne 8' (-)                                                   
(9) (-) Flûte d'amour 8'/Flûte d'amour 8'                    
Pedalbass 16', Gedackt Bass 16', Subbass 16', Subbass 16' dolce                                                                 

Im Allgemeinen sind in Kompositionen für das Kunstharmonium die Stimmen in der Tonhöhe notiert, in der sie gespielt werden sollen, nicht in der sie klingen. Bei Verwendung anderer Instrumente wie Klavier oder Orgel muss daher oft transponiert werden.
Für das Harmonium komponierten u.a. Augustin Barié, Hector Berlioz, Georges Bizet, Alexander P. F. Boely, Léon Boellmann, Joseph Boulnois, Théodore Dubois, Auguste Durain, Antonin Dvorak, César Franck,  Eugène Gigout,  Alexander Guilmant, Sigfrid Karg-Elert, Pierre Kunc, Jean Langlais, Louis J. A. Lefébure-Vely, Ignace Leybach, Jacques-Nicolas Lemmens, Franz Liszt, Charles Loret, Clement Loret, A. Daussoigne Méhul, Jules Mouquet, Alphonse Mustel, Marie Prestat, Léo Puget, Max Reger,  Josef Rheinberger, G. Rossini, Camille Saint-Saens, Georg Schmitt,  Camillo Schumann, Charles Tournemire, Louis Vierne, Charles-Maria Widor. Daneben wurde alles von Bach bis Wagner für das Harmonium bearbeitet und in dicken Notensammlungen für den kunstsinnigen bürgerlichen Haushalt editiert.

Von den deutschen Harmoniumproduzenten wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jhdt. und bis in die 1920iger Jahre über eine halbe Million Instrumente unterschiedlicher Bauart (Saug- und Druckwindharmonien) hergestellt. Die bekanntesten deutschen Firmen waren Schiedmayer, Trayser, Hinkel, Mannborg, Lindholm ,Hörügel, Hofberg, Bongard und Herfurth. In Kirchheim unter Teck produzierte die kleine Teck- Harmoniumfabrik.

Ernst Hinkel, Gründer der gleichnamigen Harmoniumfabrik, wurde 1850 als Sohn eines Tuchmachers in Esslingen am Neckar geboren. Nach einer Schreinerlehre in Urach erlernt er ab 1868 bei Wilhelm Blessing in Esslingen das Orgelbauhandwerk. Nach dessen Tod 1870 tritt er 1871 in die Harmoniumfabrik Philipp J. Trayser in Stuttgart ein und durchläuft dort alle Sparten der Produktion. Zuletzt zeichnet er für die Schlussabnahme der Instrumente verantwortlich. 1877 verlässt er die Firma, um sich selbständig zu machen. 1880 gründet er seine Harmoniumfabrik in Ulm, die bis ca. 1975 Bestand hat und über 70000 Saug- und Druckwindharmonien herstellt. Ernst Hinkel stirbt 1924. Seine Lehrfirma P. J. Trayser wurde schon 1904 aufgelöst.

Das Hinkel-Druckwindharmonium Nr. 55893 wurde 1923 als sog. Pedal- oder Orgelharmonium gebaut. Ursprünglich konnten die Bälge über eine Mechanik von einem "Kalkanten" bedient werden. Später wurde ein elektrisches Gebläse angekoppelt. Mit ausgeklapptem Pedal kann es wie eine Orgel gespielt werden, wobei es dann aber nicht möglich ist, die Expression zu betätigen. Im solistischen Einsatz muss daher auf Pedal und Gebläse verzichtet werden.

Das Instrument wurde 2012 durch Orgelbaumeister Andreas Weber, Bollschweil, in Zusammenarbeit mit dem Harmoniumspezialisten Ulrich Averesch, Bad Krozingen, restauriert. Die Kosten in Höhe von ca. € 16000.- trug der Förderverein der Stiftskirchenorgel Tübingen.


Text:  Bert Siegfried Mezger
Fachberatung:  Ulrich Averesch

Förderverin Stiftskirchenorgel Tübingen