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20.05.2020

"Friedensfeier" - eine Kunstaktion an der Stiftskirche

Der Künstler Klaus Illi (Kemnat) hat in Zusammenarbeit mit der Stiftskirchengemeinde Tübingen eine Kunst-Aktion entwickelt, die ihren Ausgang nimmt mit der mythisch aufgeladenen "Stunde Null" am Kriegsende 1945. Die NS-Geschichte der Stiftskirche ist weitgehend unerforscht, und es gibt Anlass zu der Vermutung, dass viel Schuld verborgen und verdrängt wurde. Als die NS-Herrschaft im April 1945 zusammenbrach, wurden - oft unter Lebensgefahr - weiße Fahnen gehisst, um Verhandlungsbereitschaft und Wehrlosigkeit anzuzeigen. Tübingen wurde auf diese Weise durch den tapferen Lazarettoberarzt Dr. Dobler vor einer schon in die Wege geleiteten Bombardierung bewahrt. Die Kunstaktion "Friedensfeier" nimmt diese Situation auf und zeigt bis Pfingsten vier weiße Stoff-Quadrate am Stiftskirchenturm zwischen den Zifferblättern der Uhr.

Mal hängen sie unbewegt geometrisch, bisweilen spielen sie sanft im Wind, dann wieder flattern sie stürmisch hin und her. Durch ihre weiße Fläche haben sie keine Inhalte, wollen nichts anpreisen und auf nichts verweisen. Unter Aufnahme des Bilderverbots ruhen sie in sich selbst. Im Übergang von einer Epoche zu einer anderen wird der gewöhnliche Fluss der Zeit unterbrochen; deshalb blieben am 8.Mai die Uhrzeiger am Stiftskirchenturm auf Null Uhr stehen.
Die weißen Quadrate haben vielfache kunstgeschichtliche Bezüge, im Anschluss an und im Gegenüber zum Schwarzen Quadrat von Malewitsch. Weiß ist die Farbe der Reinheit, die vorherrschende Farbe der Blüten im aufbrechenden Frühling. In der kirchlichen Tradition ist weiß nicht nur die Farbe der Tauf- und Hochzeitskleider, sondern auch die liturgische Farbe von Ostern bis Pfingsten. In der Bibel leuchten die Kleider Jesu auf dem Berg der Verklärung weiß, so wie die des Engels in seinem Grab und die der Ältesten und Gerechten aus den Völkern in der Johannesoffenbarung.  Weiße Fahnen stehen für die Überwindung der Nationalfarben und des nationalen Denkens, und in den Kliniken sehen wir hauptsächlich weiß. Damit ergibt sich der unmittelbare Zusammenhang zu unserer besonderen Corona-Zeit. Corona selbst kennt keine Grenzen, und zeigt sinnenfällig die Notwendigkeit einer gerechten Weltgesellschaft ohne die oft willkürlich von Menschen gesetzten Grenzen der Nationalstaaten. Auch hier ist unabhängiges Denken zwischen den Fronten gefragt, und wie die einstige Lazarettstadt mit fast 7000 Verwundeten, hat Tübingen durch das Universitätsklinikum auch heute eine große Bedeutung im Kampf gegen das tödliche Virus. Auch mit dem Virus selbst sollten wir Frieden schließen. Anstatt Verschwörungstheorien nachzuhängen, oder auf der anderen Seite übervorsichtig alles vernünftige Leben niederzuhalten, sollten wir uns auf die neuen Gegebenheiten einlassen und den bestmöglichen Umgang mit ihnen pflegen.
Die Stiftskirchen-Aktion erhielt ihren Namen durch Hölderlins Friedensfeier. Hölderlin, dessen 250.Geburtstag wir in diesem Jahr gedachten, sieht aus Anlass des Friedens von Lunéville 1801 einen universalen Frieden auch mit der Natur durch den vieldiskutierten "Fürsten des Festes" heraufkommen. „Versöhnender, der du nimmergeglaubt, nun da bist, Freundesgestalt mir wieder annimmst…“ – so begrüßt er den Friedefürsten in den Entwürfen zum Gedicht. Der Versöhnende schließt Frieden auch mit den Mächten dieser Welt, die durch die griechischen Götter repräsentiert werden. Kaum verhüllt beschreibt Hölderlin damit den  wiederkehrenden Christus. Damit findet das Losungswort „Reich Gottes“, das er mit seinen Freunden Hegel und Schelling für ihren Bund im Tübinger Stift benutzt hatte, sein Ziel. Und mitten in den Schrecken von Corona kündet der Theologe und Dichter Hölderlin zu seinem 250. Geburtstag von der kommenden Gottesherrschaft.


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